DER NEUE ERDENBÜRGER IST DA

 

Wenn der neue kleine Erdenbürger erst einmal im Tragekörbchen die Eingangstür Ihrer Wohnung passiert hat, sieht die Welt in Ihren vier Wänden anders aus als zuvor, auch wenn der Winzling vielleicht gerade sieben Pfund wiegt. Babys sind kleine Tyrannen, auch wenn sie es im Grunde gar nicht böse meinen. Auf gutes Zureden und stichhaltige Argumente lassen sie sich nicht lange ein. Sie plärren lieber, um zu ihrem Recht zu kommen.

 

Die Bedürfnisse von Säuglingen sind unersättlich: Hunger, Durst, Neugierde, Nicht–allein-sein-wollen und Liebe, Liebe, Liebe. In puncto Liebe setzen Babys Prioritäten: Die Liebe ihres Teddybärs oder der Plüsch-Giraffe gilt ihnen weniger als die Liebe ihrer Geschwister. Und die Liebe ihrer Geschwister gilt ihnen weniger als die Liebe ihrer Mutter.

 

Es gibt intelligente, moderne Studien über das Verhalten und Empfinden neugeborener Kinder. Man weiß heute, dass ein nur wenige Tage, Wochen oder Monate alter Säugling die Mutter mit geschlossenen Augen wahrnimmt, auch wenn diese sich gar nicht im Raum befindet. An feinsten Wahrnehmungen über Geruch und Gehör (oder auch nur über den Instinkt) spüren Babys, dass ihre Mutter in der Nähe ist. Wahrscheinlich haben sie ganz einfach einen siebenten Sinn für die Person, mit der sie noch kurz vorher im Mutterleib sehr innig verbunden gewesen waren. Wenn Babys ihre Mutter in ihrer Umgebung erspüren oder erahnen, empfinden sie eine starke Sehnsucht nach ihr.

 

 

WAS MAN IN DEN ERSTEN WOCHEN UND MONATEN BEACHTEN MUSS

 

In den ersten Lebenswochen und –monaten entscheiden sich für einen Säugling wichtige, zukunftsweisende Dinge. Das wichtigste Wort in dieser Phase ist Liebe, beziehungsweise Liebesentzug. Die Erfahrung, von der Mutter verlassen, allein gelassen zu werden, ist für ein Baby außerordentlich schmerzlich, auch wenn es diese Erfahrung nicht artikulieren kann. Babys spüren blind, ob die Mutter lange Zeit wegbleibt, wenn sie sich löst, und wenn dieses dumpf schlagende Geräusch zu hören ist (wenn die Tür zuschlägt). Babys wissen dann, dass sie alleine sind. Es macht ihnen nichts aus, wenn sie wissen, dass die Mutter mit ihrer Liebe da ist, bald wieder anwesend sein wird. Für viele Babys  aber ist das Zuschlagen der Tür Besiegelung der Einsamkeit, Lieblosigkeit. Die Verzweiflung darüber prägt sich als latente Angst und Liebessehnsucht für ein ganzes Leben ein.

 

Kinder-Psychologen plädieren für ein System der offenen Türen, bei dem das Kind möglichst viele, nahe und entfernte Geräusche in der Wohnung und vor dem Haus wahrnimmt und daraus die ersten Glieder des Bewusstseins konstruieren kann. Ein Baby, das Liebe erfährt und die Mutter über ein paar Zimmer hinweg mit Töpfen klappern hört, wird niemals unglücklich sein.

 

Viele Väter lieben ihr winzig kleines Kind abgöttisch und halten es wahnsinnig gern zwei- bis dreimal am Tag kurz auf dem Arm. Außerdem freuen sie sich riesig auf den Tag, an dem „sie etwas mit dem Kind anfangen können“. Sie träumen davon, endlich dieses Katapultflugzeug kaufen zu können, das sie im Schaufenster des Spielwarengeschäfts gesehen haben. Oder die Mondrakete, die laut Werbetext angeblich bis zu 120 Meter hoch fliegt und an einem Fallschirm niederschwebt.

 

Babys entwickeln bereits in den ersten Lebenstagen und –wochen einen ausgeprägten Spieltrieb. Sie ertasten sich die Welt an der Brust ihrer Mutter, suchen, riechen, schmecken, spüren und empfinden ständig neue, aufregende Dinge: warme Haut, Haare, etwas Feuchtes, etwas Weiches, unterschiedliche Stimmen und Geräusche, eine Vielfalt von Düften und Gerüchen, einen Wechsel von Hell und Dunkel. Und wenn sie erst zu sehen beginnen, wird die Welt vollends zum tollen, bunten Abenteuer.

 

 

BABYS WOLLEN SPIELEN

 

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Neugeborene schon in den ersten Lebenstagen das Spiel mit der Phantasie suchen. Wechselseitige Berührungen mit der Mutter, das Wechselspiel der Stimmen sind für das Baby ein erstes Vergnügen, das sich fortan in unendlichen Variationen fortsetzt.

 

Bei diesem Spiel – das für die Mutter freilich meist nichts anderes als die übliche Baby-Pflege-Routine ist – formt sich die Phantasie des Kindes und seine spätere Kreativität  und auch Intelligenz.

 

Im Gehirn eines Babys gibt es eine astronomische Vielfalt feinster Nervenverästelungen, die Reize, Signale, Empfindungen usw. weiterleiten, in denen sich das Bewusstsein des wachsenden Menschen ausbreitet und formt. Diese unendlich fein verästelten und verknüpften Nervengespinste verkümmern zum Teil, wenn sie nicht beschäftigt werden. Dies ist bei Babys der Fall,  die in ihren ersten Lebenswochen und –monaten ihr Netzwerk von Nerven und Nervenfasern im Gehirn nicht ausreichend „trainieren“. Mit anderen Worten: deren Phantasie und spielerisch-mentales Potential nicht ausreichend gefordert wird.

 

 

MAMI MUSS JETZT TÜCHTIG ESSEN

 

Nach der Entbindung wird die Mutter von ihrem Säugling meist gehörig in Trab gehalten. Mütter haben deshalb zu wenig Schlaf. Ihre Ernährung hält mit den Anforderungen an den Körper nicht stand, deshalb brauchen Mütter eine entsprechende Fettreserve. Von dieser Reserve zehrt die Mutter, sie nimmt an Gewicht ab. Normalerweise sollte eine Frau nach Schwangerschaft und Stillzeit ungefähr dasselbe Gewicht haben wie zu Beginn der Schwangerschaft.

 

Während der Stillzeit benötigt eine Mutter zusätzlich viele Kohlenhydrate, Eiweiß, Vitamine und Mineralstoffe. Wenn sie ein fünf Kilo schweres Baby ausreichend stillt, tut sie dies täglich mit etwa 850 Milliliter Milch. Diese Muttermilch enthält pro Liter ungefähr zwölf Gramm Eiweiß. Der Eiweißverlust und der zusätzliche Bedarf an Eiweiß muss also gedeckt werden, möglicherweise durch Einnahme entsprechender Fertigpräparate.

 

Die Ernährung sollte ausreichend ungesättigte Fettsäuren enthalten, auch um den Fettgehalt in der Muttermilch sicherzustellen. Muttermilch ist reich an Calcium und Phosphor. Dies führt bei  stillenden Müttern ganz zwangsläufig  zu entsprechenden Verlusten an diesen sehr wichtigen Mineralien. Fehlendes Calcium und Phosphor können aber durch Trinken von Milch ausgeglichen werden.

 

Der Gehalt an wasserlöslichen Vitaminen in der Muttermilch hängt stark von der Vitaminaufnahme der Mutter ab. Wissenschaftler haben eine Faustregel: Eine stillende Mutter benötigt um die Hälfte mehr Vitamine als andere Frauen. Eisen hingegen braucht nicht zusätzlich zugeführt zu werden, weil pro Tag nur ein halbes bis ein ganzes Milligramm Eisen durch Stillen verlorengeht und weil stillende Mütter zunächst keine Monatsregel haben.

 

Im übrigen gelten für Frauen in der Stillperiode dieselben Ernährungsregeln wie für Frauen in der Schwangerschaft. Milch, Eier, Obst und Gemüse sind also besonders wichtig. Empfohlen wird ein Dreiviertelliter oder ein ganzer Liter Milch pro Tag, oder aber der entsprechende Gegenwert in Form von Käse oder Joghurt. Manche Frauen haben eine Abneigung gegen Milchprodukte und müssen Calcium in Form von Tabletten zu sich nehmen. Eine stillende Mutter braucht täglich ungefähr drei Liter Flüssigkeit, um genügend Wasser für die Milchbildung bereitzustellen. Gut sind Obst- und Gemüsesäfte, die zusätzliche Vitamine und Mineralien enthalten. Zu berücksichtigen ist, dass der Säugling mit stärkerem Wachstum und zunehmendem Gewicht immer mehr Muttermilch benötigt.

 

Alkohol und künstlich gesüßte Lebensmittel sollten während der Stillzeit nicht eingenommen werden. Medikamente, auch rezeptfreie Medikamente, nur in Absprache mit dem Arzt.

 

 

BRUST ODER FLÄSCHCHEN?

 

Diese Frage ist oft nicht leicht zu beantworten. Muttermilch ist in ihrer Zusammensetzung einzigartig. Vorausgesetzt die Mutter ist gut genährt, enthält Muttermilch sämtliche Nährstoffe, die das Kind braucht, außerdem keimtötende, krankheitshemmende Substanzen. Muttermilch ist „preiswert“, und sie belastet den kindlichen Organismus nicht.

 

Aber auch Fläschchennahrung enthält alle Nährstoffe, die für Wachstum und Entwicklung des Kleinen nötig sind. Es gibt keinen schlüssigen Beweis dafür, dass Babys, die die Flasche bekommen, weniger gesund aufwachsen als solche, die gestillt werden.

 

Muttermilch und Kuhmilch weisen erhebliche Unterschiede auf. Mensch und Tier entwickeln schließlich ganz spezielle Milch für ganz spezielle physiologische Bedürfnisse. Für das gesunde Wachstum eines Kindes reicht Kuhmilch nicht aus. Menschliche Muttermilch enthält weniger – jedoch ausreichend – Eiweiß, dafür mehr Milchzucker und Fett. Aus dem Fett der Muttermilch stammt die Hälfte der Kalorien, die das Kind benötigt. Muttermilch enthält nur ein Drittel an wichtigen Mineralstoffen wie Kuhmilch und nur ein Siebtel an Phosphor. Doch dieser niedrige Anteil ist sinnvoll, denn er belastet die empfindlichen Nieren des Säuglings nicht. Muttermilch enthält auch weniger Vitamine als Kuhmilch. Trotzdem jedoch in ausreichender Konzentration, solange überhaupt genügend Muttermilch zur Verfügung steht.

 

Babynahrung auf der Basis von Kuhmilch hat meist eine Zusammensetzung, die der von Muttermilch sehr nahe kommt. Außerdem wird sie unter strengen Kontrollen hergestellt. Höchstens einer von hundert mit Babynahrung gefütterter Säuglinge reagiert darauf mit Störungen wie Übelkeit, Appetitmangel, Verstopfung, ungenügendem Wachstum usw.

 

Die Milch einer stillenden Mutter enthält unersetzbare Substanzen, die Muttermilch gleichzeitig unnachahmbar machen. Zum Beispiel Zellen des mütterlichen Immunsystems oder Antikörper, die im Magen-Darm-Trakt des Babys Bakterien oder Viren angreifen und zerstören. Ein anderer Bestandteil der Muttermilch begünstigt den Aufbau der Darmflora des Säuglings ganz wesentlich. Deshalb hat die Darmflora eines Säuglings eine unterschiedliche Zusammensetzung, je nachdem, ob das Kind gestillt wird oder das Fläschchen erhält. Muttermilch enthält auch eine Substanz, die Eisen an sich bindet und es damit Krankheitserregern entzieht, die ohne dieses Eisen nicht existieren können. So wundervoll hat die Natur für unsere Neugeborenen vorgesorgt.

 

Für die These, dass beim Stillen eine wichtige, intensive Beziehung zwischen Mutter und Kind entsteht, gibt es keine wissenschaftlichen Beweise. Zwar macht das Gestilltwerden dem Säugling ganz offensichtlich mehr Spaß. Das bedeutet jedoch nicht, dass es unter mangelndem Mutterkontakt leidet, wenn es „nur“ die Flasche erhält. In der Gesamtbeziehung zum Baby spielen die Zeitspannen des Füttern nicht die entscheidende Rolle. Beim Fläschchengeben hat allenfalls der Papa die Möglichkeit, eine engere psychologische Beziehung zu seinem Kind herzustellen.

 

Nicht alle Mütter eignen sich fürs Stillen. Oft reicht auch beim ersten Kind die Milchbildung nicht aus. Mindestens zwanzig Prozent aller Mütter haben beim ersten Kind entsprechende Probleme, und bis zu fünfzig Prozent haben Probleme beim Brustgeben und Säugen. Ursache können ungenügendes Saugen des Babys sein, aber auch eine Brustwarzenentzündung und andere Faktoren. Wenn gestillte Babys unterernährt sind, machen sie trotzdem oft einen scheinbar gesättigten Eindruck. Solche Babys verlieren an Gewicht oder nehmen nicht richtig zu. Beim Fläschchengeben hat die Mutter die Möglichkeit, genauer zu dosieren.

 

Manche Kinder vertragen Muttermilch schlecht. Ursachen können angeborene Stoffwechselfehler und Milchzucker-Unverträglichkeit sein. Wenn die Mutter bestimmte Medikamente einnehmen muss, sollte sie ohnehin lieber das Fläschchen geben. Vielen Frauen fällt es auch schwer zu stillen, weil sie wieder zur Arbeit gehen müssen – auch wenn dies nicht grundsätzlich bedeutet, dass sie nicht mehr stillen können.  Die Entscheidung „Brust oder Flasche?“ muss also individuell  gehandhabt werden, und oft wird der Arzt oder werden das Klinikpersonal der Mutter entsprechende Verhaltensregeln mit nach Hause geben.

 

 

BABYS BRAUCHEN LICHT, LUFT UND SONNE

 

So winzig und unscheinbar das neue Familienmitglied ist, hat es doch Anspruch auf das schönste Zimmer. Licht, Luft, Sonne – dies sind die Kriterien. Ihre kleine Tochter oder Ihr kleiner Sohn sollte in einem Raum liegen, den die Sonne möglichst lange erreicht. So wie auf alle Pflanzen und Tiere wirkt die Sonne auch auf unsere Babys belebend. Das Zimmer soll gut zu lüften sein und das Kind oft am offenen Fenster liegen.

 

Nach drei Wochen können Sie Ihren Säugling das erste Mal im Babywagen spazieren- fahren und ihm dabei einen ersten Eindruck von der großen, weiten Welt vermitteln. Das Kind sollte gut eingepackt sein. Wenn das Wetter kalt, windig, regnerisch, frostig ist, dann warten Sie lieber einen wärmeren, schöneren Tag ab. Oder warten Sie, bis Ihr Kind sechs bis acht Wochen alt ist, weil sein zarter Organismus dann gefestigter ist und der Witterung besser standhält. Es kann auch genügen, wenn Sie das Kinderbettchen auf einem windstillen Platz auf dem Balkon oder der Terrasse in die Sonne stellen.

 

 

BALD SCHON GEHT DAS KRABBELN LOS

 

Die Bewegungen des kleinen Erdenbürgers sind in den ersten Wochen mehr als unbeholfen, ruckartig, ungesteuert. Sie sind vom Gehirn aus noch nicht koordiniert. Beinchen, Füßchen, Händchen – alles zappelt irgendwie hilflos herum. Obwohl schon alle Muskeln vorhanden sind, organisiert sich die Kontrolle erst durch unwillkürliches Üben und durch Erfahrung. Aber keine Sorge: Das komische Zappeln hört bald auf, und Ihr Kind nimmt dann „menschliche“ Bewegungsabläufe an.

 

Im Alter von einem Monat hebt das Kleine das Köpfchen aus der Bauchlage und kräftigt durch diese gymnastischen Übungen ganz wesentlich seine Nackenmuskulatur. Im dritten Monat folgt es mit seinen Augen neugierig allem, was sich bewegt. Starre Gegenstände gelten als langweilig, aber ein Vorhang, der sich im Luftzug bewegt, ist eine äußerst aufregende Sache.

 

Der Säugling erkennt seine Mutter nun auch optisch. Und er lässt nun immer wieder sein krächzend-krähendes Babylachen hören. Von nun an wird unser Säugling immer munterer. Er wälzt sich herum, grabscht nach allem, was sich seinen winzigen Fingerchen bietet. Im fünften Monat stützt er sich, auf dem Bauch liegend, auf die Ärmchen. Im Alter von einem halben Jahr beginnt er zu sitzen. Nach dem achten Monat werden ihm Sitzen und Liegen endgültig zu langweilig, und er steht jetzt schon wackelig in seinem Kinderbettchen und hält sich krampfhaft an den Gitterstangen fest. Er krabbelt auf dem Fußboden herum und nach etwa einem Jahr fängt er an zu laufen.

 

Etwa im Alter von fünfzehn Monaten fängt das Baby an, überall mitzureden, wenn auch zunächst in einer schwer verständlichen Silbensprache. Ihr Kleines will jetzt jedem sagen, dass es das wichtigste Familienmitglied ist – und darüber hinaus ohnehin der Mittelpunkt der Welt.   

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